Freitag, 15. Februar 2013


DIE EREIGNISSE IN GERMANIEN (11): TACITUS: AB EXCESSU  DIVI AUGUSTI I, 66:

An den langen Brücken

Forte (Durch Zufall; zufällig) equus abruptis vinculis vagus (ein Pferd, nachdem es die Fesseln zerrissen hatte, herumrennend; ein Pferd, das durchging, nachdem...) et clamore territus (und durch den Lärm erschreckt) quosdam occurrentium obturbavit (brachte einige der Entgegenlaufenden in Verwirrung; rannte sie über den Haufen). Tanta inde consternatio (Daher (entstand) ein so großes Entsetzen; eine derartige Bestürzung; Schrecken; Aufruhr), inrupisse Germanos credentium (der Glaubenden, daß die Germanen eingebrochen seien; durchgebrochen; eingefallen; derjenigen, die glaubten, daß...), ut cuncti (so daß alle) ruerent ad portas (zu den Toren stürzten; in Eile stürzten; eilten), quarum decumana (von denen das Haupttor; das Haupttor dieser (Tore)) maxime petebatur (besonders, hauptsächlich zu erreichen gesucht wurde; man zu erreichen versuchte), aversa hosti (abgewandt dem Feind; weil es vom Feind abgewandt war) et fugientibus tutior (und sicherer für die Fliehenden). Caecina comperto (Nachdem Caecina erfahren hatte) vanam esse formidinem (daß der Schrecken unbegründet (nichtig) war), cum tamen (weil er dennoch) neque auctoritate neque precibus (weder durch sein Ansehen noch durch Bitten), ne manu quidem (nicht einmal durch Gewalt, occ. die bewaffnete Hand; auch: Tapferkeit) obsistere aut retinere militem quiret (sich widersetzen; Widerstand leisten oder das Kriegsvolk zurückhalten konnte; quire, queo, quivi (quii), quitum=können, vermögen), proiectus in limine portae (hingeworfen auf die Schwelle des Tores) miseratione demum (durch Mitleid schließlich; erst durch Mitleid; Mitgefühl; Bedauern), quia (weil) per corpus legati (über den Körper des Legaten=Kommandeurs) eundum erat (gegangen werden mußte; weil man...gehen gemußt hätte; abundierender Konjunktiv), clausit viam (verschloß er den Weg (scil.: für die Fliehenden). Simul tribuni et centuriones (Zugleich (gleichzeitig) die Tribunen und Zenturionen) falsum pavorem esse docuerunt (unterrichteten, erg: ihre Leute, daß der Schrecken ein falscher=grundlos sei; blinder Alarm).---
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Was berichtet unser v. TIPPELSKIRCH?
"...Später lagen sie auf der feuchten Erde unter freiem Himmel; denn auch die Zelte waren verloren gegangen. Hinzu kam das Jammern und Stöhnen der Verwundeten. Hinzu kam die Angst vor dem folgenden Tag.
In solcher gespannten Atmosphäre genügt der lächerlichste Anlaß, um eine Panik auszulösen. Ein Pferd ging durch und rannte über den Haufen, was ihm in die Quere kam. Der Lärm aber ließ die weiter abseits Lagernden glauben, die Germanen griffen an. Die einen liefen zu den Waffen, andere flohen Hals über Kopf zum westlichen Tor des Lagers hinaus. Nur mit größter Mühe gelang es den Tribunen und Centurionen, die Ruhe einigermaßen wiederherzustellen. Von Cäcina selbst berichtet Tacitus, der Oberbefehlshaber hätte sich auf die Schwelle des Tores geworfen, um die Fliehenden aufzuhalten. Da ging wohl die Phantasie mit dem Historiker durch! Was hätte ihm denn in der allgemeinen Aufregung, dazu bei Dunkelheit, ein solcher Versuch eingebracht? Bestenfalls eine breitgetretene Nase-!
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Zwei Positionen stehen sich gegenüber:
1.) Die Story stimmt doch:
Ist es so undenkbar? Der Südländer liebt die Theatralik. Der antike Mensch hat viel stärker auf symbolische Gesten angesprochen als wir heute. Caecina kannte als militärischer Führer die Psychologie der Masse und wußte, wie einfache Soldaten ticken.
Hätte Tacitus, wenn er falsch berichtet hätte, nicht einen Sturm des Protestes ausgelöst und seinen Ruf als seriöser Historiker gefährdet?
2.) Alles Lüge!
Wußte Tacitus, daß dies sowieso niemand mehr überprüfen konnte?
War seine Quelle falsch? Wollte der Informand sich am Caecina für irgend etwas rächen (offene Rechnung u.dergl.)? Oder zahlte Tacitus besser, wenn die Informationen möglichst märchenhaft und spannend waren?
Oder war hier für Tacitus der Wahrheitsgehalt eher nebensächlich und wollte er hauptsächlich Spannung erzeugen, Aufmerksamkeit erregen, unterhalten und moralisieren?
Wie heißt es doch beim Dichter QUINTUS HORATIUS FLACCUS: ARS POETICA, 333 f:
Aut prodesse volunt aut delectare poetae,
aut simul et iucunda et idonea dicere vitae.
=Entweder nützen oder erfreuen wollen die Dichter
oder  zugleich sowohl Angenehmes als auch für das Leben Geeignetes sagen.
(Entweder wollen nützen die Dichter oder erfreuen,
oder uns Schönes und Lebensnahes zugleich wohl bescheren.
HORAZ: SATIREN UND EPISTELN, übertragen v. G. DORMINGER, München, 1959 (bei Goldmann), S. 137.)
Nun war Tacitus nicht Horaz. Und ich bin nicht Tacitus!- Dennoch weiß man, daß es antike Historiker mit der Wahrheit oft nicht so genau nahmen.-
So war das halt, damals im Krieg. Da wurde viel erzählt.-
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SIR R

Donnerstag, 14. Februar 2013


DIE EREIGNISSE IN GERMANIEN (10): TACITUS: AB EXCESSU DIVI AUGUSTI I, 65:

Die langen Brücken

Doch so schnell, wie v. TIPPELSKIRCH die Sache erzählt, ging es in Wirklichkeit nicht (voran). Erst einmal war Heulen und Zähneklappern auf römischer Seite:
Hören wir TACITUS:
(...) enisaeque (PPA von "eniti") legiones (Die Legionen arbeiteten sich durch; "Einer kam durch!" AdV) vesperascente die (als es Abend wurde; "als der Tag abendlich wurde") in aperta et solida (ins Freie, auf freies Gelände; und auf festen Boden). Neque is (Aber dies (war) nicht)) miseriarum finis (das Ende der Leiden): struendum vallum (ein Wall war zu bauen; mußte gebaut werden), petendus agger (Schanzmaterial mußte geholt werden; evtl: ein Damm mußte gebaut werden?), amissa ((es war) verloren (gegangen)) magna ex parte (zu einem großen Teil; größtenteils) per quae egeritur humus (durch das die Erde herausgeschafft wird=Schaufeln etc.) aut exciditur caespes (oder der Rasen ausgestochen wird=Spaten; excidere=herausschneiden); non tentoria manipulis ((es gab) keine Zelte für die Manipel=1/3 einer cohors), non fomenta sauciis (keine Verbände; Linderungsmittel für die Verwundeten): infectos caeno aut cruore cibos dividentes (die durch Schmutz oder Blut besudelten (verunreinigten) Speisen verteilend; dabei wurden...verteilt und; wobei sie...) funestas tenebras (die unheilvolle; todbringende Finsternis) et tot hominum milibus (und daß (außerdem=iam) so vielen tausend Männern) unum iam reliquum diem ((jetzt nur noch) ein einziger Tag übrig sei; nun=iam (nur noch; Goldmann) ein Tag übrig sei) lamentabantur (beklagten sie; Konstruktion: Sie beklagten sich über die Finsternis und außerdem darüber, daß...wobei Speisen verteilt wurden, die...).
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iam=adv. schon, bereits nun, jetzt; als Übergangspartikel: ferner, außerdem, nun; occ. (steigernd) vollends, sogar
non iam=nicht mehr, nicht länger
"Der kleine Stowasser"-anschaffen!
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The SIR

DIE EREIGNISSE IN GERMANIEN (9): TACITUS: AB EXCESSU DIVI AUGUSTI I, 65:

Der Kampf an den langen Brücken

Plurimus circa aquilas labor (Die meiste; größte Mühe (Strapazen) (gab es) rings um die Adler; nahe bei), quae neque ferri (die weder getragen werden) adversum ingruentia tela (gegen die heranfliegenden Geschosse; ingruere=losstürzen,hereinbrechen) neque figi limosa humo poterant (noch im schlammigen Boden befestigt werden konnten; aufgepflanzt werden konnten). Caecina dum sustentat aciem (Während Caecina die Kampflinie aufrecht hielt; aufrecht zu halten versuchte), suffosso equo delapsus (vom von unten durchbohrten Pferd herabgleitend; er fiel vom Pferd, nachdem es durchbohrt worden war; armes Tier! AdV) circumveniebatur (wurde er umzingelt; besser: wäre er umzingelt worden; abundierender Irrealis!), ni prima legio (wenn nicht die 1. Legion) sese opposuisset (sich (dem Feind schützend) entgegengeworfen hätte; entgegengestellt; entgegengetreten wäre).
Dazu v. TIPPELSKIRCH:
"CAECINA versuchte verzweifelt, seine durcheinandergeratene Truppe zu ordnen und das Gefecht zu halten. Dabei geriet er selbst in höchste Bedrängnis. Sein Pferd wurde ihm unterm Leib erstochen. Inmitten einer kleinen Schar von Legionären kämpfte er um sein Leben, bis endlich der Führer einer Abteilung der 1. Legion die Not des Feldherren bemerkte und gerade noch rechtzeitig zu Hilfe kam.
Der Kampf währte noch den ganzen Tag. Zweifellos hatte ARMINIUS vor, seinen Durchbruch auszubauen und die 1. sowie die XX. Legion abzuschneiden."
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Das hätte er besser mal tun sollen, doch es kam (wie immer) anders. Seine Leute zogen es nämlich vor zu plündern. Es gab da nämlich jede Menge toller Sachen zu holen: Waffen, Schilde, Ausrüstungsgegenstände jeder Art, persönliche Habseligkeiten etc. Besonders der "gladius" (eine Art "Hightechwaffe" der damaligen Zeit) war heiß begehrt. Kaum ein Germane konnte sich nämlich ein Schwert leisten. Allesamt arme Männer (wie ich)! Ausnahme waren natürlich ARMINIUS, der ja zuvor in römischen Diensten war und ganz sicher über eine ganze Kollektion von Mordwaffen verfügte (gladius, spatha, pugio, hasta, pilum), und seine "merry fellows" (sein engstes Gefolge, sozusagen die Obergermanen).
Dazu wieder einmal v. TIPPELSKIRCH:
"Aber schon beim Ausbruch des LUCIUS CÄDICIUS aus ALISO hatten es die Germanen schließlich für besser befunden zu plündern, als zu kämpfen...So kam es, daß die einen plünderten, während wenige Schritte davon entfernt andere versuchten, eine römische Abteilung aufzuhalten. Und so kam es, daß die meisten Römer schließlich doch noch herauskamen aus dem Sumpf."
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ARMIN hätte halt seine Leute besser bezahlen sollen!
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SIR R

DIE EREIGNISSE IN GERMANIEN (8): TACITUS: AB EXCESSU DIVI AUGUSTI, I, 65:

Neque tamen (Trotzdem nicht; und dennoch nicht) Arminius (Armin), quamquam libero incursu (obwohl durch einen freien Angriff; erg.: es möglich gewesen wäre; obwohl er freie Bahn hatte; Goldmann), statim prorupit (brach er (mit seinen Kriegern) sofort hervor): sed ut (aber als/ wie) haesere (sie hängen blieben; festsaßen; nicht mehr loskamen) caeno (durch den Schmutz; im Morast) fossisque (und in den Gräben) impedimenta (das Gepäck; der Troß), turbati circum milites (die Soldaten ringsum in Unordnung gerieten), incertus signorum ordo ((als) die Ordnung der Feldzeichen ungewiß war; d.h. sie gerieten ebenfalls durcheinander; was für ein Chaos! AdV), utque tali in tempore (und wie in einer solchen Lage; erg: es üblich ist; zu geschehen pflegt), sibi quisque properus (jeder für sich eilig; jeder hatte es auf einmal besonders eilig, um die eigene Haut zu retten) et lentae adversum imperia aures (und unempfindliche Ohren gegenüber den Befehlen (hatte); taube Ohren; Goldmann), inrumpere Germanos iubet (befiehlt er, daß die Germanen "einbrechen" (scil. in die Römer) sollen; er befiehlt den Germanen, auf die Römer loszustürzen), clamitans (rufend; und rief; indem er rief; wobei er rief) 'en Varus (seht, Varus) eodemque iterum fato (und durch dasselbe Geschick (Schicksal) zum zweiten Mal) vinctae legiones (die besiegten Legionen)!' simul haec (gleichzeitig dazu; mit diesem; gleichzeitig; zugleich dies rufend; bezogen auf "clamitans"), et cum delectis (und mit Ausgewählten; Elite) scindit agmen (spaltet er das (röm.) Heer; durchbricht er das Heer; schlägt er eine Bresche in...) equisque maxime vulnera ingerit (und bringt besonders den Pferden Wunden bei).-
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Arminius, nicht so blöd wie die Römer, wartet, bis diese im Schlamm versinken. Dann schlägt er los. Eiskalt, konsequent und ohne lange zu fackeln. Was für ein furioser Angriff!
Armin war ein guter Mann!
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Bei v. TIPPELSKIRCH lesen wir:
"Die Germanen kannten die Stellen, wo der Sumpf gangbar, wo das Wasser flach genug war, um an den Damm heranzukommen. So wurde die Lage für die I. und XX. Legion sehr schnell verzweifelt. Die V. und die XXI. Legion konnten auf dem schmalen Damm ihren Kameraden nicht zu Hilfe kommen. Die bedrängten Legionen selbst konnten sich in der Enge nicht entfalten. Sie standen in zwei dünnen Linien rechts und links des Dammes, oftmals bis zu den Knien oder bis zum Gürtel in Wasser und Sumpf. In ihrem Rücken, auf dem Damm, versuchten die Fuhrleute und Treiber ihre Wagen und Tragtiere voranzubringen."
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"Schöner Mist!" wird so mancher Legionär geflucht haben.
Ob es wohl damals schon Werbeplakate gab? Vielleicht mit folgendem oder ähnlichem Wortlaut "Komm' in die Legion! Erlebe was! Für Unterhaltung ist gesorgt!"
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SIR R.

Mittwoch, 6. Februar 2013


DIE EREIGNISSE IN GERMANIEN (7): DIE LANGEN BRÜCKEN (3): TACITUS: AB EXCESSU DIVI AUGUSTI I, 65: Nox per diversa...

Es folgte eine unruhige Nacht. Die Germanen taten dies, was sie neben dem Kämpfen am besten konnten: fressen, saufen und gröhlen. Das Tal und die Wälder waren von den Freudengesängen der Germanen erfüllt. Wahrscheinlich sangen sie allesamt falsch nach einigen Bieren zuviel.
Ganz anders die Stimmung bei den Römern: Von Party keine Spur. Wahrscheinlich "ging ihnen die Muffe eins zu tausend"!
"Nox (die Nach) per diversa (aus verschiedenen Gründen) inquies ((war) unruhig), cum barbari (als/ weil die Barbaren) festis epulis (bei Festmahlen), laeto cantu (mit fröhlichem Gesang) aut truci sonore (oder mit wildem Lärm) subiecta vallium (die Niederungen; Talgründe; subiectus=unterhalb liegend) ac resultantis saltus (und die wiederhallenden Waldberge) complerent (erfüllten), apud Romanos (bei den Römern) invalidi ignes (schwache Feuer), interruptae voces (unterbrochene Laute), atque ipsi (und sie selbst) passim adiacerent vallo (lagen überall am Wall), oberrarent tentoriis (irrten bei den Zelten herum), insomnes magis (mehr schlaflos) quam pervigiles (als wachsam)."
Man sieht: ARMINIUS wußte für Stimmung zu sorgen. Immer lustig!
Der Feldherr der Römer dagegen hatte keine "sweet dreams". Er träumte nämlich, daß der unglückliche VARUS blutbefleckt aus dem Sumpf auftauchte, ihm die Hand entgegenstreckte und ihn rief.
Welcome to your nightmare!
"Coepta luce (Bei Tagesanbruch; "bei begonnenem Licht") missae in latera legiones (die auf die Seiten gestellten Legionen), metu an contumacia (aus Furcht oder Eigensinn; Trotz; Widerspenstigkeit), locum deseruere (verließen den Platz; Ort), capto propere campo (nachdem eilig ein Feld besetzt worden war) umentia ultra (jenseits der Sümpfe)."
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Die hatten halt keine Lust mit nassen Füßen zu kämpfen.
Dazu v. TIPPELSKIRCH:
"Tacitus war kein Soldat; mag sein, daß er darum den wahren Grund für den Abmarsch der Flügellegionen nicht erkannte. In der Tat hatte ihr Abmarsch unmittelbar keine schlimmen Folgen für die beiden anderen Legionen, denn die Germanen nutzen den Abzug der Legionen an den beiden Flügeln nicht aus--"
Doch ARMINIUS war ja nicht blöd. Er griff erst an, als sich die Ordnung der Römer aufzulösen begann.
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ARMINIUS war ein guter Mann und ein fähiger Anführer. Hätte bei ihm sofort mitgemacht. Leider 2000 Jahre zu spät!
ARMINIUS hatte Charisma und "fortune". Dies geht unseren heutigen Politkern oft ab. (Anm. der Anm: Gegen einen Mann wie Arminius wirken sie deshalb eher wie traurige Witzfiguren. Sad, but true!)
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SIR R

Dienstag, 5. Februar 2013


DIE EREIGNISSE IN GERMANIEN (6): AN DEN LANGEN BRÜCKEN (2): TACITUS, AB EXCESSU DIVI AUGUSTI, I, 63f.: Caecina dubitanti...

"Caecina dubitanti (Dem zweifelnden Caecina; der im Zweifel war), quonam modo (auf welche Art denn) ruptos vetustate pontes (die durch Alter zerbrochenen Brücken) reponeret (er sie wiederherstellen sollte) simulque (und zugleich) hostes propulsaret (die Feinde zurückschlagen könnte/ sollte), castra metiari (ein Lager abzustecken) in loco (an der Stelle) placuit (gefiel ihm; bezogen auf "Caecina dubitanti"), ut opus (damit sie die Arbeit; das Werk; scil. an den Brücken) et alii proelium inciperent (und andere den Kampf beginnen konnten)."
TACITUS, I, 63.
Alles schön und gut, doch die Germanen hielten nicht viel vom Aktivismus und von den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Römer und griffen immer wieder an. Besonders auf die Schanzarbeiter hatten sie es abgesehen. Für die Legionäre, denen das Wasser schon fast bis zum Hals stand und die immer mehr im morastigen Gelände versanken, wurde es zunehmend ungemütlich.
"Et cuncta (Und alles) pariter Romanis adversa (war für die Römer in gleicher Weise ungünstig; widrig): locus uligine profunda (ein Ort von "tiefer Feuchtigkeit"; mit einem tiefen Morast), idem ad gradum instabilis (derselbe=ebenso für den Schritt instabil; schwankend), procedentibus lubricus (schlüpfrig für die Vorwärtsschreitenden); corpora gravia loricis (die Körper schwer durch die Brustpanzer); neque librare pila (und auch nicht die Pilen=Wurfspeere schwingen; im Gleichgewicht halten) inter undas poterant (konnten sie zwischen den Gewässern). Contra Cheruscis sueta (Dagegen; hingegen (waren) den Cheruskern gewohnt) apud paludes proelia (Kämpfe in den Sümpfen), procera membra ((sie hatten) hohe; hochgewachsene; schlanke Glieder= Körper), hastae ingentes (ungeheuer große Lanzen) ad vulnera facienda (um Wunden zu machen=verursachen, schlagen) quamvis procul (wenn auch noch so (sehr); obgleich aus der Ferne, von fern=aus jeder beliebigen Entfernung!)"
TACITUS, I, 64.
Dann kam die Nacht. Doch die Germanen legten sozusagen eine Nachtschicht ein und leiteten die Bäche von den Höhen in die Niederungen. Dies hatte zur Folge, daß aufgeworfene Erde und Verschanzungen weggeschwemmt wurden. Doppelte Arbeit für die Legionäre. Doch Caecina blieb "cool". Schließlich hatte er schon 40 Dienstjahre auf dem Buckel und einiges erlebt.
"Quadragesimum id stipendium (Das 40. Dienstjahr) Caecina (C.) parendi aut imperitandi (des Gehorchens und Kommandierens="teils in niedrigen, teils in höheren Stellen", Goldmann) habebat (hatte), secundarum ambiguarumque rerum sciens (der günstigen und der schwankenden; mißlichen; unsicheren Verhältnisse kundig; erfahren in...) eoque interritus (und daher unerschrocken; unerschütterlich; "cool"; sagte ich doch!)."
TACITUS, I, 64.
Hören wir, was "Freund" v. TIPPELSKIRCH zu verkünden hat:
"Am nächsten Tag mußten die Arbeiten an den Brücken und Dämmen fortgesetzt werden. Wiederum mußten Sicherungstruppen hinein in Dickicht und Sumpf. Dort wimmelte es jetzt nicht nur von Schlangen und Mücken, sondern auch von nackten, rötlich blonden Schlagetoten. Und noch eins kam hinzu: die Pfützen und Tümpel waren über Nacht größer geworden. An vielen Stellen, wo gestern noch fester Grund gewesen war, erstreckte sich nun ungangbarere Sumpf. Es war ein Rätsel. Denn das Wetter war noch immer trocken und warm. Es blieb ein Rätsel, bis die Legionäre in der kommenden Nacht wiederum Axtschläge, und diesmal in größerer Nähe vernahmen. Da fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen: die Germanen fällten Bäume, um mit ihnen die Bäche und den Fluß aufzustauen. Darum stieg das Wasser! Darum wurde Sumpf, was vordem Weg gewesen war."
Clever, meinen wir!
Doch was tat Caecina. Er überlegte erst einmal. "Was tun", sprach Zeus. Dann kam ihm die rettende Idee. Er mußte den Feind in den Wäldern aufhalten, um Zeit für den Abtransport der Verwundeten und der schweren Teile des Heereszuges zu gewinnen. Also stellte er zwischen den Sümpfen und den Bergen eine schmale Kampflinie auf:
"nam medio montium et paludum (denn in der Mitte zwischen den Bergen und den Sümpfen) porrigebatur planities (erstreckte sich; dehnte sich eine Ebene aus), quae tenuem aciem pateretur (die eine dünne Kampflinie zuließ). Deliguntur  legiones (Die Legionen werden ausgewählt; als Legionen) quinta dextro lateri (die fünfte für die rechte Seite) undevicesima in laevum (die 19. nach links), primani ducendum ad agmen (die Soldaten der ersten Legion, um den Heereszug zu führen) vicensimanus adversum secuturos (die 20. gegen die Verfolger; Nachfogenden)."
TACITUS I, 64.
Man sieht, die Römer waren Sicherheitsdenker ("controlfreaks" würden wir heute sagen). Ihre Stärke lag in der Ordnung und im Drill. Dies garantierte für Sicherheit und erhöhte Schlagkraft-jedenfalls in der Theorie. Doch, wie wir alle wissen, ist die Realität ein wenig anders als die Marlboro-Werbung. Das zeigt die "clades Variana" ganz deutlich. Und auch hier (in unserem Beispiel) war es recht brenzlig.
Manöverkritik: Es ist ein grober Planungsfehler, die Marschroute durch ein sumpfiges Wiesental zu wählen. Daß die langen Brücken längst verrottet waren, hätte man wissen müssen. Wenn man schon so blöd ist und da durchmarschiert, hätte man vorher ordentlich aufklären sollen, d.h. mit Reitern (Aufklärern) die Wälder durchkämmen müssen. Sonst wird das nix, Mister Caecina!
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Euer Imperator (der das alles besser gemacht hätte, und zwar mit deutscher Gründlichkeit!)


Montag, 4. Februar 2013


DIE EREIGNISSE IN GERMANIEN (5): AN DEN LANGEN BRÜCKEN (1): TACITUS: AB EXCESSU DIVI AUGUSTI I, 63: Mox reducto ad Amisiam...

Mittlerweile war es Herbst geworden und das Wetter wurde immer schlechter. Es war Zeit für die Flotte, sich auf den Heimweg zu machen. GERMANICUS beschloß daher, zum Schiffslager an der EMS zu marschieren. Wahrscheinlich führte ihn sein Weg durch die Senke zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge hindurch in Richtung auf das heutige Osnabrück. Überall gab es Auwälder und Sümpfe. Das war sicher nicht lustig und keine vergnügliche Klassenfahrt. Endlos, das ist der Marsch!
Dann gelangte das Heer an den Fluß HASE, wo das Land der CHAMAVEN begann. Diese waren ein Teilstamm der CHAUKEN.
Vom Lager an der EMS kam schließlich dem UNTEREN HEER auf der HASE ein Flotte von Kähnen entgegen, die Proviant geladen hatten. Von da sollte das UNTERE HEER nach VETERA zurückgeführt werden. Der Chef des Vereins war der schon erwähnte LEGAT CAECINA.
Das OBERE HEER hatte es besser erwischt. Es sollte per Schiff zurückfahren.
Dann wurde wieder einmal marschiert. Marschrichtung: Südwest. Endlos ist der Marsch!
1. Marschtag: durch offenes Gelände; Marschlager in der Nähe bewaldeter Höhenzüge
2. Marschtag durch die Wälder; am Nachmittag: Meldung durch Reiterspitze, man habe DIE LANGEN BRÜCKEN erreicht.
Diese bestanden aus Knüppeldämmen und Brücken durch ein langgezogenes, versumpftes Wiesental hindurch, das von bewaldeten Höhen begrenzt war. Das Tal war an manchen Stellen sehr eng, an anderen breit (bis zu 3 km). Durch das Tal hindurch floß ein kleiner Fluß, der sich immer wieder verzweigte. Von den Höhen flossen Bäche herab, die in diesen mündeten.
Gebaut hatte die Anlage der STATTHALTER LUCIUS DOMITIUS AHENOBARBUS (um die Zeitenwende). Seitdem war sie mehr oder weniger zerfallen. Deswegen mußte sie erst einmal instand gesetzt werden. Also: die Werkzeugkoffer auf!
TACITUS berichtet Ann. I, 63:
"Mox reducto ad Amsiam exercitu (Nachdem dann (hernach) das Heer an die Ems zurückgeführt worden war), legiones classe (die Legionen durch die Flotte), ut advexerat (wie er sie herbeigebracht hatte), reportat (bringt er sie zurück). Caecina (C.), qui suum militem ducebat (der sein Heer führte), monitus (gemahnt), quamquam (obwohl) notis itineribus (auf bekannten Wegen) regrederetur (er zurückkehrte), pontes longos (die langen Brücken) quam maturrime superare (möglichst zeitig; schnell; zu überschreiten). Angustus is trames (Dieser (war) ein enger Seitenweg; Pfad) vastas inter paludes (zwischen weiten Sümpfen) et quondam (und einst) a L. Domitio (von L. Domitius) aggeratus (dammartig aufgeschüttet; aufgedämmt). Cetera limosa (Das Übrige war schlammig; schlammiges Erdreich), tenacia gravi caeno (zäh durch "schweren Schmutz"=zäher,  tiefer Morast) aut rivis incerta erant (oder aufgrund von Bachläufen unsicheres Gelände); circum silvae paulatim adclives (ringsum gab es allmählich ansteigende Wälder), quas tum ARMINIUS implevit (die damals; jetzt; Arminius "ausfüllte"=besetzt hielt; Goldmann), compendiis viarum (auf kurzen Wegen; Richtwegen; wörtl: "auf Ersparnissen/ Vorteilen der Wege") et cito agmine (und durch schnellen Marsch) onustum sarcinis armisque militem (unser durch (Marsch-)Gepäck und Waffen beladenes Heer) cum antevenisset (weil er ihm=dem Heer zuvorgekommen war)."
VON TIPPELSKIRCH erzählt an dieser Stelle die Geschichte eines SIGNIFERS der XXI. LEGION, der den Auftrag hatte, mit 10 Mann den rechten Talrand auszukundschaften. An einem Tümpel sahen die Legionäre eine mindestens 2 Meter lange Ringelnatter. Das Tier verweilte kurz. Dann verschwand es wieder im Tümpel. Zunächst dachten die Legionäre, die Schlange sei vor ihnen geflohen. Doch dann hörten sie, wie sich etwas im Schilf bewegte. Dann flog ein Wurfspeer und ein Horn ertönte. Es waren die Germanen.
In der darauffolgenden Nacht sahen die Posten des Lagers die Wachtfeuer der Germanen.
Es muß eine unheimliche Stimmung gewesen sein!-Willkommen im schönen Germanien!
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Der Imperator